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Mein Weg nach Wladiwostok

Vom 16. bis zum 30.September 1999 ging für mich ein langer Wunsch in Erfüllung. Es verließ in Moskau den Jaroslawler Bahnhof , der Zug nach Wladiwostok , der mich mitnahm. Das ist der Start der längsten Eisenbahnstrecke der Welt. Auf den folgenden 9288 Kilometern sollte ich erkennen, daß viele Vorstellungen, die ich von Sibirien hatte, wirklich auch nur Vorstellungen waren. In dem nachfolgenden Bericht möchte ich beschreiben, wie ich die Transsibirische Eisenbahn und Sibirien gesehen habe.
Die Reise, die ich unternahm war eine Pauschalreise eines bekannten Reiseveranstalters, der sich auf Osteuropareisen spezialisiert hat. Da ich von Rußland keine Ahnung hatte und kein Wort russisch sprach, habe ich mich zum erstenmal für eine Pauschalreise entschieden. Doch auf dem Weg durch dieses riesige Land habe ich festgestellt, daß die Meinung, die wir Deutsche über Rußland haben, sehr durch unsere Medien geprägt ist. Sicher gibt es dort die Mafia und selbstverständlich gibt es dort arme Menschen. Doch nach ein paar Stunden in Rußland fühlt man sich so sicher wie in Wien, London oder Hamburg.
Während unserer Reisezeit war Moskau durch die Bombenanschläge auf Wohnhäuser sehr verunsichert. Dies bemerkte man schon an den besonders strengen Sicherheitsvorkehrungen bei der Einreise und an spontanen Verkehrskontrollen in der Stadt. Leider verzögerte dies die ohnehin nervende Zollabfertigung. Besonders wichtig ist die Zollerklärung, auf der die eingeführten Zahlungsmittel aufgelistet werden müssen. Vergißt man diese, kann es bei der Ausreise sein, daß man sein Geld nicht ausführen darf. Naja, damit muß man eben leben, wenn man eine so große Reise vor hat. Ist man dann allerdings in Moskau angekommen, wird man sofort für all die Strapazen belohnt. Moskau ist einfach eine Stadt der Superlative. Alles ist irgendwie größer und gewaltiger als irgendwo anders. Kein Wunder, denn Platz hat man ja in Rußland genug. Nur auf dem "Roten Platz" alleine fühlt man sich umzingelt von beeindruckenden Gebäuden und ehrwürdigen Denkmälern. Man sieht die Basiliuskathedrale, das Kaufhaus GUM und das Lenin-Mausoleum. Von dort gehen sechsspurige (wohlgemerkt für eine Richtung) Straßen zum Jaroslawler Bahnhof, welcher der Beginn der Transsibirischen Eisenbahn ist.
Vor dem Einsteigen sieht man sich den Zug, der aus einer E-Lok, 12 Reisewaggons, einem Speise- und einem Postwagen besteht, respektvoll an. Dieser Zug wird uns nämlich sagenhafte 9300 km ostwärts begleiten. Beim Einsteigen brach dann ein kleines Chaos aus. Es ist der pure Wahnsinn, wenn vier Reisende gleichzeitig ihr Abteil einrichten wollen. Wir einigten uns schließlich darauf, daß es besser sei, das nacheinander zu tun. In unserem Abteil fuhr Karl mit, ein siebenundsechzig Jahre alter Rentner, der seine Frau zuhause ließ,um die Tour das zweite Mal zu erleben. Er beruhigte uns beim Einräumen und nach wenigen Minuten hatte jeder seinen Platz. Zum Einsteigevorgang gehört dazu, daß fast alle Reisenden, egal ob Tourist oder Russe, nach der Einnahme der Plätze ihre Jogginganzüge anzogen, welche auch für die Dauer der Reise nicht mehr gewechselt wurden.
Nun begann das Erlebnis "Transsibirische Eisenbahn" Die erste Etappe führte uns von Moskau, vier Tage und vier Nächte, in das etwa 5000 km entfernte Irkutsk. Vier Tage Zeit um neue Eindrücke zu sammeln. Und so manches war so viel anders als wir uns das vorstellten. Falls jemand dachte, daß diese Reise zu einem abenteuerlichen Ausflug wird, sah sich getäuscht. Das fing schon bei dem Zug als solchen an. Die Waggons sind richtig schön bequem und das Personal ist stets bemüht die Reise dem Fahrgast so angenehm wie möglich zu gestalten. Ständig wurde der Gang gesaugt, die Griffe gewischt und die Vorhänge gerichtet, für deren Durcheinander natürlich unsere Reisegruppe verantwortlich war, um stets einen feien Blick auf die vorüberziehende Landschaft zu ermöglichen. Der Traum der langen wilden Fahrt war somit schnell zu Ende. Dies hatte aber den Vorteil, daß man sich voll und ganz auf die realen Ereignisse konzentrieren konnte, die wir in Hülle und Fülle erlebten. Am Anfang war das Ausdemfenstersehen eine unserer Hauptbeschäftigungen. Unterbochen wurde dies durch die vielen Essen, die uns in Speisewagen serviert wurden. Das Essen im Zug war immer einwandfrei und reichlich. Es gab viel Reis, Eier, viele Suppen mit Hühnerfleisch und zu jedem Essen frischen Salat. Der Speisewagen entwickelte sich, vorallem abends, zum gesellschaftlichen Centrum unserer Gruppe. Dort kamen wir Touristen mit den russischen Reisenden zusammen. Dabei konnte ich mich von der "Russischen Seele" überzeugen und begeistern lassen. Die Russen gehen so leicht und offen auf Fremde zu, wie wir es in Deutschland nicht kennen. Läuft man an einem Russen, mit einem kleinen Lächeln, zwei- oder dreimal vorbei, kann man bald damit rechnen, daß er dann denjenigen an seinen Tisch ruft oder winkt. Nimmt man diese Einladung an, dauert es garantiert nicht lange bis Wodka auf den Tisch kommt. Dabei bewahrheitet sich wenigstens eine Vorstellung. Nämlich die, daß Russen massig Wodka und das noch aus viel zu großen Gläsern trinken. Meistens sogar noch auf ex. Aber auch am nächsten Morgen blieb es so, daß man ständig angesprochen wurde. Den Russen machte es scheinbar Freude sich mit uns zu beschäftigen. Oft war die Frage, woher wir kommen, wohin wir fahren oder einfach wie wir heißen der Beginn einer längeren Unterhaltung.
Falls man sich doch einmal nach Ruhe sehnte, blieb einem nichts anderes übrig, als sich in sein Abteil zurückzuziehen. Unser 2.Klasse-Abteil bestand aus zwei Doppelstockbetten, die mit einer weinroten PVC-Hülle bespannt sind und nachts zum Schlafen dienen. Weiter hatte unser Abteil ein Fenster mit einem davor befindlichem kleinen Tisch. Über dem Fenster befindet sich sogar ein großer weißer Knopf, mit dem man die Lautstärke der Musikbeschallung verändern kann. Genug Stauraum für alle Gepäckstücke ist im Ableil reichlich vorhanden. In regelmäßigen Abständen kommt die Schaffnerin in die Abteile und fragt, ob sie Tee oder Kaffee bringen soll. Das Wasser dazu kam aus dem Samowar, der in keinem Waggon fehlte.
Die aufregendsten Abwechslungen waren jedoch die Aufenthalte in den Bahnhöfen, die zwischen zwei und zwanzig Minuten dauerten. Dort warteten bereits die Bäuerinnen der Region auf die Einfahrt des Zuges. Sie boten den Reisenden eine große Auswahl an diversen Speisen an. Direkt vom Bahnsteig konnte man den Bedarf an Fleisch, getrockneten Fisch, Kuchen, Bier, Milchprodukte wie Joghurt oder Buttermilch und Sonnenblumenkerne für die nächste Etappe der Fahrt kaufen. Die russischen Fahrgäste nahmen diese Angebote auch gerne an. Selbst hätte ich ebenfalls gerne mehr bei diesen alten Frauen gekauft, da jede einzelne von ihnen so sympathisch aussah und man das Gefühl hatte, damit sogar geholfen zu haben. Doch war unsere Verpflegung so gut, daß man nichts weiteres mehr essen konnte.
Für mich war auch die Tatsache interessant jeden Tag eine oder zwei Zeitzonen zu durchfahren, wobei im Zug immer Moskauer Zeit galt. Das hatte zur Folge, daß es laut Uhr halt irgendwann nachmittags gegen 15.00 Uhr Nacht wurde. Wie gewaltig die Strecke ist, fiel dann wieder richtig auf, wenn man den Bahnhof, den man gerade passierte, auf der Landkarte suchte und sah, daß man sich immer mehr dem Pazifik näherte. Nach so vielen Kilometern gewöhnt man sich an so vieles im Zug. Man gewöhnt sich daran, daß die Toiletten vor der Einfahrt in einen Bahnhof gesperrt werden, man gewöhnt sich auch daran, daß es eigentlich keine richtige Waschgelegenheit gibt. Und vorallem gewöhnt man sich an die Menschen, die tagelang mit uns reisten, egal ob man sie versteht oder nicht. Besondere Sympathie empfanden wie für die Kinder die den engen Gang hoch und runter rannten und spielten. Kind Sascha kam nach einiger Zeit schon regelmäßig in unser Abteil, um uns an seinem Spiel und seinem Spielzeug teilhabenzulassen.
Kam man dann und wann einmal zur Ruhe, schaute man auf die dahinziehende Taiga. Die Taiga war viel abwechslungsreicher als ich mir das vorstellte. Sicher habe ich noch nie so viele Birken gesehen wie auf dieser Reise, aber die Wälder wurden ständig durch freie Flächen, Städte oder Dörfer und Sumpfgebiete unterbrochen. Die Taiga besteht übrigens auch nur an den Rändern, dort wo Licht an die Wälder kommt, aus Birken. Der Hauptbaumbestand sind Nadelhölzer, wie Tannen, Fichten und vor allem Lerchen, die während unserer Reisezeit gelbe Nadeln trugen. Ganze Berge strahlten dadurch in diesem wunderbaren Gelb. Genauso abwechslungsreich, wie die Taiga selbst, ist die Tierwelt in ihr. Es leben dort Tiere, die wir nur noch aus Büchern oder dem Fernsehen kennen. In den Wäldern leben dort zum Beispiel Braunbären, Dachse, Füchse und die sibirischen Tiger. Wölfe gibt es masssenweise, so daß diese zum freien Abschuß stehen. Doch der eigentliche Höhepunkt der sibirischen Natur ist der Baikalsee, ein See mit beeindruckenden Ausmassen. Der Baikal ist 630 km lang, zwischen 35 und 65 km breit und vorallem 1,6 km tief. Im Norden ist er, zwischen Ende September und Anfang Juli, 9 Monate zugefroren. Im Süden ist er "nur" zwischen Januar und März vereist. Da sich an die Ufer des Sees Berge anschließen betrachtet man den See fast immer vom oben, wodurch der Baikal immer gigantisch aussieht. Richtigen Respekt bekommt man vom Baikal, wenn man weiß, daß er die in ihm ertrunkenen Menschen für immer verschwinden läßt. Winzige Krebse filtrieren das Wasser des Sees unentwegt. Sie sind in der Lage einen Menschen innerhalb von 48 Stunden restlos zu zersetzen. Das zurückbleibende Skelett wird nach der Dauer von 2 Wochen aufgelöst, da das Wasser des Baikals praktisch kein Kalk enthält, aber das Kalk der Knochen löst. Um die Größe des Baikals, dem größten Süßwasservorkommen der Welt, zu verdeutlichen, kann man folgengen Vergleich anbringen. Bekommt der See aus seinen etwa 350 Zuflüssen spontan kein Wasser mehr, hat er trotzdem soviel Wasser in sich, seinen einzigen Abfluß, den Angara, 400 Jahre lang mit Wasser zu speisen. Fast unglaublich ist es, daß das Wasser des Baikals so klar ist, daß bei man ruhigem Wasser 40 m tief in den See hineinsehen kann. So, finde ich, ist der Baikalsee alleine schon eine Reise wert.
9288 km nach Moskau erreicht man nach 8 Tagen Fahrt Wladiwostok. Eine Besichtigung, der am Bahnsteig befindlichen Kilometersäule, mit der Aufschrift 9288, ist selbsverständlich. Man hat es geschafft. Man ist angekommen. Wladiwostok als Endstation der "Transsibirischen Eisenbahn" Die Stadt ist moderner als die beiden vorangegangenen Aufenthaltsorte Irkutsk und Chabarowsk, was durch den Hafen und der Nähe zu Japan kommt. Wobei ich sogar der Meinung bin, daß Irkutsk und Chabarowsk den sympathischeren Eindruck machten. Nun aber ging eine Reise zu Ende, welche ich niemals vergessen werde. Eine Reise, die mir viele neue Erkenntnisse gegeben hat und die ich jedem empfehlen kann. Falls jemand das Interesse an dem Land oder der Strecke hat, soll er es tun. Man wird mit Begeisterung über Rußland und die Russen zurückkehren. Daß diese Reise eine Reise ist, welche man nur einmal im Leben macht, möchte ich schon jetzt bezweifeln, denn ich kann mir schon vorstellen diese 9300 km nocheinmal anzugehen.

 


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